Wilde Gesellen
Sie kommen mit einem auf Rädern gelagerten roten Schlitten. Zehn furchterregend aussehende Krampusse, zwei Engel und der Heilige Nikolaus sind gestern Nachmittag auf dem Ingolstädter Christkindlmarkt eingefallen. Eine gute Stunde, dann ist der Spuk wieder vorbei.
Zum zweiten Mal macht die Krampusgruppe Unterschleißheim heuer Station in Ingolstadt. Im letzten Jahr – es war bitterkalt, der Christkindlmarkt tief verschneit – hatten die in dickes Fell und Holzmasken gehüllten Krampusse wohl nicht so schwitzen müssen wie heuer. Gestern wirkt manche der zehn böse dreinblickenden Gestalten witterungsbedingt etwas lethargisch. Was freilich in dem einen oder anderen Fall gar nicht so schlecht ist.
Obwohl die furchterregend aussehenden Krampusse in Wirklichkeit recht friedliche Gesellen sind und ihre Weidenruten in den meisten Fällen tatsächlich nur als Glückssymbol über die Beine streichen, jagen sie doch dem einen oder anderen kleinen Besucher großen Schrecken ein. Ein kleines Mädchen zum Beispiel schreit wie am Spieß und verkriecht sich in die Graßl-Krippe. Trotz gutem Zureden von Mama und Oma ist die Kleine nicht zu beruhigen.
Andere Kinder wiederum lassen sich vom Aussehen der Krampusse nur wenig beeindrucken. Ein kleiner Mann zückt sein Plastikschwert. Ein paar Meter weiter meint ein Opa zu seinem Enkel: „Der schaut ja wuid aus.“ Der Bub schaut dem von hinten wie der Schneemensch Yeti aussehenden Krampus eher gelangweilt hinterher. Auch einen Pudel auf Frauchens Arm lassen die in Fell gehüllten Gesellen völlig kalt – selbst, als ein Krampus auf Frauchen mit der Rute zugeht, ist dem Hund nicht mal ein Knurren zu entlocken.
„Dürfen wir ein Foto von Ihnen machen“, fragt ein junges Mädchen einen der wilden Gesellen höflich. Der greift ihr erst ins Haar, hakt sich dann aber freundschaftlich für ein Handyfoto unter. Ein paar junge Leute am Glühweinstand haben derweil mit den Krampussen ihren Spaß.
Ziehen am Fell oder das Betätigen der am Rücken befestigten Kuhglocke quittieren die Krampusse mit einem nicht ganz so sanften Streich mit der Weidenrute.
„Zu den Kindern sind sie ganz nett, bei den bösen Eltern dürfen s’ schon mal mit der Rute hinhauen“, hat der Nikolaus eingangs die vielen Buben und Mädchen auf dem Christkindlmarkt beruhigt. Für die Kleinen, die er auf die Bühne bittet, hat er Geschenke mitgebracht. Er nimmt sich Zeit, fragt einen nach dem anderen in der langen Schlange nach seinem Namen, lässt Kinder wie die sechsjährige Nicole ein Gedicht aufsagen oder fragt nach der Schule. Was sein Lieblingsfach sei, will der Heilige Mann von einem Dreikäsehoch aus Kösching wissen. Seine Antwort: „Die Pause.“
Um 17 Uhr, als der Nikolaus auf den Nikolausplatz immer noch Bühnenpräsenz zeigt, steht schon das Ingolstädter Christkind in der Warteschleife. Zeit zum Öffnen des Adventstürchens. Das tägliche Ritual kommt diesmal etwas später. Erst als das letzte Kind beschenkt ist, läutet die Verabschiedung des Nikolauses den Schichtwechsel ein.
Als die Gruppe abzieht, bleibt der eine oder andere Rutenstreich nicht aus.
Auf dem Christkindlmarkt gibt es unterdessen fast kein Durchkommen mehr. Die Marktbetreiber sind mit dem bisherigen Verlauf zufrieden. „Wir können nicht klagen“, sagt Dora Hörmanndinger. Essen und Trinken gehen auf dem Christkindlmarkt immer. Bei den Standbetreibern hat die Hauptzeit laut Karl-Heinz Mitterhuber an diesem Samstag begonnen.

